Wir sind so durch den Wind

An den Beinen kalt

2017-03-20 von Torsten in Kategorie Der Wind spinnt

»Gefühlt ist es mir an den Beinen kalt.«

– Eine Fußgängerin zu einer anderen

Was ist das heutzutage für ein Schwachsinn mit dieser Aus­drucks­weise »Gefühlt ist es …«? Natürlich empfinden verschiedene Men­schen zum Beispiel die Temperatur oft ein wenig unter­schiedlich: Frauen frieren oft eher als Männer und Faktoren wie die Luft­feuchtig­keit oder der Grad der Ausgeschlafenheit oder Müdigkeit spielen eine Rolle und was nicht noch alles. Und natürlich kann man bei scharfem Wind im Winter kalte Beine bekommen. Man kann dann sagen: »Meine Beine sind kalt« oder: »Meine Beine fühlen sich kalt an« – aber den Satz »Gefühlt ist es mir an den Beinen kalt« finde ich ein wenig schwachsinnig.

Denn wenn man zum Beispiel sagt, die objektiven zehn Grad Celsius fühlten sich subjektiv kälter an, sodass man die Temperatur eher auf nur fünf Grad schätzen würde, wenn man das Thermometer nicht sähe oder die Temperatur nicht in den Wetternachrichten mitgeteilt bekommen hätte, dann heißt das ja, dass einem ziemlich kalt ist, obwohl die Temperatur (für die winterliche Jahreszeit) recht lau oder mild ist.

Entsprechend würde der obige Ausspruch bedeuten, dass sich die Beine kalt anfühlen, obwohl sie es gar nicht sind. Aber entweder sie sind kalt und man fühlt das auch, oder sie sind warm und fühlen sich auch so an. Wenn sich warme Beine aber kalt anfühlen, dann sollte man sich doch um seine Gesundheit ernsthafte Sorgen machen, oder?

Man kann es auch so formulieren: Wenn die Beine vom fiesen Winterwetter kalt geworden sind, dann ist das normal, dass man das auch fühlt. Und normalerweise wundert man sich ja nicht darüber und bringt seine Verwunderung auch noch zum Ausdruck, indem man sagt, die Beine seien »gefühlt« kalt (aber eben nicht tatsächlich). Weiter gedacht: Wenn eine Person die Kälte nicht fühlte, dann fände ich das ziemlich bedenklich, außer in dem einen Fall, dass sie sehr gut in Autogenem Training geübt wäre und auf Körperfunktionen, die sich im Normalfall der Steuerung durch das Bewusstsein entziehen, einen gewissen Einfluss nehmen könnte. Aber diesen seltenen Fall ausgenommen, würde ich doch annehmen, die Person sei wohl ernsthaft krank, wenn nicht gar tot. Im letzteren Fall würde die Person allerdings auch nicht mehr artikulieren können, ob sich irgendwas am Körper kalt oder sonstwie anfühlt. Weil sie es ja nicht fühlen würde. Weil sie ja tot wäre. Aber die Frau auf der Straße sah eigentlich noch – wie soll ich sagen? – normal lebendig aus.

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