Mehl ins Getriebe

Reißwolf

2012-12-18 von Torsten in Kategorie Dinkel im Winkel

Ich weiß, ich weiß: einen Reißwolf nennt man heutzutage eigentlich Aktenvernichter. Aber das ist ein Scheißwort. »Reißwolf« ist viel plastischer, viel bildhafter. Ein Wolf, der mit seinen scharfen Zähnen das Opfer zerreißt. Wundervoll, diese Gewalt! Es bleiben nur Fetzen übrig. Das Original ist nicht rekonstruierbar. Eine endgültige Zerstörung. Alles wird zerrissen und zerfressen und zerschnitten. Wow, wie sexy!

Ich stelle mir vor, wie ein Wolf meine Erinnerungen zerreißt. Ich finde Gefallen an diesem Sterben. Endlich werde ich diese ganze alte Scheiße los. Nur Fetzen bleiben übrig, Fragmente, alles wird undeutlich, verwischt, verschwommen. Es wird zusammenhanglos, unwirklich, bedeutungslos. Es wird leicht und schmerzfrei und sexy.

Ich werfe dem Reißwolf deine alten Briefe zum Fraß vor, deine ganzen an mich gerichteten Zettelchen, deine Liebesbekundungen, diesen ganzen alten Scheiß. Der Wolf schnappt sich alles, schlingt es in sich hinein, und ich bedaure, dass kein Blut aus dem Papierzeug hervorspritzt. Aber auch ohne Blut – diese Papierstreifen, diese Fetzen, diese zerstörten Erinnerungen, diese Unwiederbringlichkeit, dieses Loslassen, das alles ist so leicht, so befreiend, so sexy, so ein gewaltvoller, unblutiger, papierner, blutiger, blutiger

Sex.

Eine Antwort zu »Reißwolf«

  1. Torsten sagt:

    Oh, du bist eine kluge Frau. Also, in früheren Zeiten waren es noch heftig-bittere Gefühlsstürme, heute nicht mehr.

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