Sack mir, wo die Mühlen sind

Ein Haus voller Kitsch

2016-04-07 von Torsten in Kategorie Dinkel im Winkel

Das Haus meiner Eltern, so finde ich, ist ein Haus voller Kitsch. Ich kann das hier so öffentlich und frei von der Leber weg schreiben, weil mein Vater mein Blog nicht liest (er hat ja noch nicht mal einen Internetanschluss) und meine Mutter bereits tot ist. Und ja, ihr habt Recht, es mag geschmacklos sein, negativ über die seltsamen Seiten seiner Eltern zu schreiben, und tatsächlich ist mir unwohler dabei, als wenn ich über fremde Leute herziehe. Aber ich muss es einfach mal loswerden.

Ich meine – wie kann man denn, um Himmels willen, alles, was man von irgendwem irgendwann mal geschenkt oder aufgedrängt bekommen hat, für die gesamte Lebenszeit aufbewahren und zum Beispiel das ansonsten sehr hübsche Treppenhaus damit verschandeln? Ja, es ist wirklich hübsch mit seinen alten und gut erhaltenen Jugendstilfliesen und dem hölzernen, gedrechselten Treppengeländer. Warum also müssen da furchtbare Aquarelle hängen, die ich als Jugendlicher gemalt habe und die nicht gerade als große Kunst anzusehen sind, sondern eher als ungekonnte Schmiererei? Und welchem Zweck soll ein ekelhafter, zumindest innen vergammelter Schuhschrank, der nicht mehr zur Lagerung von Schuhen verwendet wird, dienen? Ach ja, ich weiß: Man kann Kitsch darauf stellen.

Und was sollen die Plastikblumen im Flur der elterlichen Wohnung? »Aber die haben wir doch mal von Tante Gretel geschenkt bekommen!« Ja, vor dreißig Jahren oder so. Und sie würde es nicht bemerken, wenn das Zeug da nicht mehr stünde. Weil sie uns nämlich gar nicht mehr besuchen kommt, da sie ja schon seit unglaublich langer Zeit nicht mehr lebt. Oder was ist an den im Wohnzimmer aufgehängten komischen Fächern oder Luftwedeln, oder wie immer man so etwas nennt, aus dem bescheuerten China-Restaurant so schön? Und nein, die passen nicht zu der altbergischen Dröppelmina auf dem Kaminsims. Die nun wieder passt sehr gut in das alte Schieferhaus. Die würde ich ja auch niemals wegschmeißen. So etwas ist ja auch Kultur und kein Kitsch.

Na ja, mehr will ich gar nicht aufzählen, obwohl es noch eine ganze Menge gäbe – ich habe ja zum Beispiel noch gar nichts über die Küche erzählt. Aber lassen wir das. Ich für meinen Teil bin froh, mich von altem Gerümpel trennen zu können. Ich bin seit vielleicht zwei Jahren dabei, meine Wohnung zu entrümpeln. Da wird bei eBay verkauft, da wird verschenkt und zur Not auch in die Tonne gekloppt. Und immer noch ist mir die Wohnung zu voll. Sie könnte durchaus noch leerer sein, noch spartanischer. Ich brauche keine Deko, oder nur sehr wenig. Das Porzellanhaus und die Lavalampe – na ja, ich muss zugeben, da hängen nun doch gewisse Erinnerungen dran. Aber auch die werden mir vielleicht eines Tages nichts mehr wert sein. Die Erinnerungen, meine ich. Und damit dann auch die Gegenstände.

Ich frage mich, in was für Wohnungen man leben wird, wenn man mal tot ist. Ja, kein Scherz. Viele Menschen glauben doch, dass nach dem Tod eine andere Form des Lebens beginnt. Man ist dann im Himmel oder auf einem anderen Planeten oder was weiß ich, wo man dann ist. Vielleicht lebe ich dann in einer Wohnung mit sehr, sehr wenig Zeug darin. Mit viel Luft zum Atmen. Mit viel Freiraum in den Räumen. Vielleicht sogar ohne Computer, aber mit ultra-bequemen Sitzmöbeln. Und Gott sagt, wenn er oder sie mich mal besuchen kommt: »Oh, bei dir ist es aber gemütlich, mein Sohn!«

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