Sackmühle

Sack mir, wo die Mühlen sind

Die Verwandlung

2012-06-01 von Torsten in Kategorie Dinkel im Winkel

Ich habe mich verwandelt. »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.« – Nein, nicht so wie der Typ in der Erzählung von Franz Kafka habe ich mich verwandelt. Zum Glück nicht so. Sondern folgendermaßen:

Ich galt früher als still, zurückhaltend, sanft und sensibel. »Schüchtern« wäre wohl die treffendste Beschreibung gewesen. Und diese charakterliche Verformung hatte ihre Ursache in meiner beschissenen Erziehung, in dieser Überbeschütztheit, dieser Tabuisierung in allen Bereichen. Mein Vater musste natürlich Geld verdienen und ging seiner Berufstätigkeit nach, und meiner Mutter oblag die Erziehung. Das war das Schlimmste, was mir passieren konnte: von dieser krankhaft ängstlichen und verkorkst religiösen Frau erzogen – oder besser gesagt: nicht erzogen oder beschissen erzogen – zu werden.

Im Zivildienst, als ich geistig behinderte Menschen zu betreuen hatte, löste sich meine Schüchternheit ganz gut, und im späteren Berufsleben nach und nach immer noch ein bisschen mehr.

Heute gelte ich als unwirsch, ungeduldig, nervös und aggressiv. Das ist das genaue Gegenteil vom damaligen Torsten, der Abende lang auf dem Sofa sitzen, Tee schlürfen und Art-Rock hören konnte und in Anwesenheit mehr oder weniger fremder Menschen kaum den Mund aufbekam. Und mein heutiger Charakter ist ebenfalls nicht optimal, klar. Vielleicht pendelt es sich in späteren Jahren so ein, dass ich als feundlicher, ausgewogener, in sich ruhender, aber trotzdem geradliniger und zielstrebiger Typ beschrieben werden kann. Wir werden sehen.

Wie dem auch sei: Es fällt mir heutzutage wesentlich leichter, auf Menschen zuzugehen. Ich habe keine Angst mehr, vor Menschen zu sprechen. Ich bin selbstbewusst. Es ist mir einigermaßen egal geworden, was andere Leute von mir denken könnten. Ich vertrete meine Meinung, manchmal ziemlich dominant; aber dennoch bin ich immer offen für andere Ansichten und versuche, Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten. Ich bin flexibel und will es immer bleiben. Es darf keine Ruhe, keinen Stillstand geben. Ich bin mir nicht zu schade, meine Ansichten aufgrund von Anregungen seitens anderer Menschen zu revidieren. Stillstand im Denken ist der Tod.

Also, was will ich mehr? Keine Ahnung. Sagen wir mal: Es gibt immer etwas zu verändern, zu verbessern und zu erneuern. Wir werden sehen.

»Eine Schlange, die sich nicht häutet, stirbt.«
— Friedrich Nietzsche

2 Antworten zu »Die Verwandlung«

  1. Violine sagt:

    Bei mir würde man nie auf meine Familie schliessen können. Zu unterschiedlich sind wir. Und zu weit weg habe ich mich entwickelt.

  2. piri ulbrich sagt:

    Zum Glück sind wir den Erziehungsversuchen unserer Eltern erwachsen und machen unsere eigenen Verwandlungen durch. Es hat niemand gesagt, dass es nicht schmerzhaft ist und dass wir perfekt sein müssen.

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