Posts Tagged ‘Lyrik’

Letzter Tag

Samstag, Dezember 31st, 2011

Am letzten Tag im Jahr oder am Ende einer langen Ära, am letzten Tag meines Lebens oder am Ende aller Zeiten, da regnet es und regnet und regnet, und du sitzt bei mir und sagst, es könne ja nicht immer regnen, und ich antworte, es bedeute doch nichts, es sei doch egal, und du nickst mit dem Kopf und deine Augen sehen traurig aus und du bittest mich, ein letztes Gedicht zu schreiben, ein Gedicht, das keinen Reim mehr hat, keinen Rhythmus, keine Strophen und nur einen Satz, und ich tue dir den Gefallen, mühsam schreibe ich und schreibe und schreibe, bis ich müde werde und den Stift weglege und merke, wie das Denken einfach innerhalb von Minuten verlischt und ich endlich eintauche in das große, tiefe, zeit- und raumlose

Nichts.

Große blaue Katze

Mittwoch, Dezember 7th, 2011

Eine große blaue Katze
hüpf hüpf hüpf
große blaue Katze
brötz brötz brötz
stahl den Grillkäse
aus dem Markendiskonter
stahl den Käse
aus dem Supermarkt

Sie sagte: Ich mag nun mal
die Grillmäuse gern mit Käse
ich esse eben alles
mit Käse überbacken
mit Käse überbraten
mit Käse übergrillt
auch am Ende des Herbstes
ja am Ende vom Herbst

Die fette blaue Katze war
ein dreistes Biest
die fiese blaue Katze war
ein freches Viech und sprach:
Es ist so einfach
den Käse zu stehlen
es ist so leicht
den Käse zu Clown

Große blaue Katze

Hochhäuser

Freitag, November 4th, 2011

Diese verdammten Hochhäuser, sie stehen überall in der Gegend rum, in der ganzen verfluchten Stadt, und sie versperren mir die Sicht, sie tun mir in den Augen weh, diese Beton- und Glas- und Sonstwas-Scheißteile, und sie sollen verdammt noch mal einstürzen, ich will eine flache Stadt, ein flaches Land, ich will die Welt flach und übersichtlich, der Stahlbeton soll flach am Boden liegen und nicht phallisch in den Himmel ragen.

Wir gehen auf eine andere Party an einem anderen Wochenende ich gehe ich gehe auf eine ich gehe auf eine andere Party an einem ganz anderen Wochenende mit ganz neuen Freunden mit brandneuen Freunden wenn alles aus ist wenn die Musik vorbei ist wenn alles vorbei ist wenn alles alles alles zerstört ist.

Schutt und Schutt und Asche ich will eine Stadt Asche ich will Schutt ich will Asche ich will ich will verdammt noch mal eine Sprache aus Bruchstücken und ich will ich will eine Stadt aus ich will eine Stadt aus Schutt und Asche. Flach flach flach.

Anmerkung, vorsichtshalber: natürlich will ich so was nicht wirklich. Es ist eine Allegorie oder so. Nur damit es nicht heißt, ja hier, der Torsten, das ist so ein ganz Böser oder was. Bin ich nicht. Oder nur so halb.

Login

Mittwoch, Oktober 19th, 2011

Logge dich ein logge dich aus ein aus ein aus ein aus Maus Maus Maus
klick klick klick logge klick logge klick
dich ein dich ein dich ein und aus aus aus
ein aus aus ein aus ein aus aus ein aus
rein und raus und und und und
logge logge ein und und
aus
aus

Wespen

Mittwoch, Oktober 19th, 2011

Ein dumpfes Summen. Ein verzweifeltes Brummen. Wespen am Fenster oder Lastkraftwagen auf der Straße. Laster, die wild an der Fensterscheibe hin und her krabbeln. Fliegen, die Buchstaben durcheinander bringen. Eine gestörte Konzentration. Ein Bass im Ohr. Rhythmus. Wespen an der Scheibe. Fliegen im Scheibenkäse, gefangen in ihrer zweidimensionalen Scheibenwelt. Undurchdringliches Glas. Ich schlage die Lastkraftwagen tot, fange die Wespen mit bloßer Hand, freue mich über den Schmerz ihrer Stiche und lasse die Fliegen frei.

Erich Fried

Mittwoch, Oktober 19th, 2011

Es ist, was es ist: Liebe oder so.

Lösung

Freitag, September 30th, 2011

Es gibt keine Lösung.
Ich überlege,
ich denke nach,
ich grübele,
ich zermartere mir das Gehirn,
aber

es gibt keine Lösung.
Ich kann die Fehler der Vergangenheit
nicht korrigieren
nicht ungeschehen machen
nicht rückgängig machen.
Was geschehen ist, ist geschehen, und

es gibt keine Lösung.
Egal, was ich tue,
egal, was ich versuche,
egal, was ich mir wünsche,
nichts hat Sinn,
alles ist sinnlos:

Es gibt keine Lösung.

Pferd ohne Namen

Samstag, August 13th, 2011

Ich ritt auf einem Pferd, das keinen Namen hatte,
durch die Wüste. Das Wasser wurde knapp, das Pferd
ohne Namen starb und ich trank sein Blut. Ein Sturm
zog auf, die Wüste verwandelte sich in ein Meer, ein

Meer aus Blut und Tränen, und ich ertrank. Alle Katzen
versuchten zu fliehen aus dem Raum der Anstalt, in der ich
erwachte. Ich versuchte, sie zu fangen, und sie
verwandelten sich in Pferde ohne Sättel. Ich ritt auf einem

namenlosen Pferd mit Katzenfell durch eine Wüste, vom Leben
zum Tod und zurück. Blutend, aus den Augen blutend und
an den Handgelenken blutend und aus dem Herzen blutend und
durstig, durstig, durstig.

Moth(er)

Freitag, Juli 8th, 2011

Als sich meine Mutter in eine Motte verwandelt hatte
und der Dunkelheit entfliehen wollte
und immer um das spärliche Licht flatterte

da schlug ich nach ihr
und versuchte sie zu verbrennen
oder zu vergiften

doch dann gelang es mir sie zu fangen
und ich hielt sie meiner Ratte hin
zum Fraß

dieser fiesen fetten Ratte
die mir direkt aus der Hölle
zugelaufen war als ich schlief

Und die Ratte verspeiste die Motte
die einst meine Mutter gewesen war
und sprach zu mir

Komm mit mir mit
du Missgeburt du Mensch
in die Hölle unter der Welt

in die Kanalisation
in das Vierte Reich
in die Diktatur der Fäkalien

Horrorhaus

Donnerstag, Juni 23rd, 2011

Gefangen im Horrorhaus. Weiße Wände, labyrinthartige Gänge. Dunkelheit und zuckende Lichtblitze. Dämonen, die über den Boden kriechen. Schreie.

Die Angst, nie mehr frei zu kommen. Die Furcht vor der Dunkelheit. Geräusche von nirgendwo und überall. Ein Flüstern. Ein Wispern. Echos. Widerhall, tausendfach.

Erinnerungen. Wie es früher war, damals, außerhalb des Horrorhauses. Wie es sein könnte, wäre man nur frei. Wäre man nur nicht hier drinnen gefangen, eingeschlossen, eingesperrt.

Alle Gänge führen nur tiefer hinein. Kein Korridor endet an der Ausgangstür, an der Außenwand. Jeder Versuch, zu entkommen, verschlimmert die Lage. Kein Entrinnen.

Aufwachen wäre das Richtige jetzt. Aber wie soll man aufwachen, wenn man gar nicht schläft. Es kann nicht real sein. Eigentlich. Es ist furchtbar. Es ist real.